Horizonte erweitern
“Jeder sollte in seinem Leben mindestens drei Mal für längere Zeit ins Ausland gehen”, findet Joyce Campbell. “Einmal in der Kindheit, einmal nach der Schule und einmal als Erwachsener.” Joyce, pensionierte Grundschullehrerin, ist selbst viel herumgekommen in der Welt. Unter anderem hat sie eine zeitlang in Äthiopien unterrichtet, gerade bringt sie ukrainischen Einwanderern Englisch bei, als nächstes plant sie ein halbes Jahr Asien. Sie ist unsere Gastgeberin in Chattanooga, und was für eine! Mit an Telepathie grenzender Perfektion errät sie unsere Wünsche und Befindlichkeiten, sie kutschiert uns durch die Gegend und hört jedes einzelne unserer Konzerte an.
Die Gastfreundschaft ist überall unglaublich. Ich hatte vorher schon oft gehört, dass die Amerikaner freundlich sind und eher auf einen zugehen als, sagen wir mal, ein Westfale, habe das aber bislang für ein Klischee gehalten. In Chattanooga hat sich das positive Vorurteil bestätigt. Einmal sprechen mich zum Beispiel auf der Straße zwei Passanten an, die uns singen gehört hatten, einfach so. Wir unterhalten uns eine Weile über ihre deutsch-amerikanische Verwandtschaft (in diesem Fall ist es der Ur-Urgroßvater, der in die USA eingewandert war). Auch in den Geschäften sind die Verkäufer freundlicher, oder kommt mir das nur so vor? Joyce sagt übrigens, dass es durchaus regionale Unterschiede in der Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit gibt. Sie nimmt diese Frage zum Anlass, für uns verschiedene Dialekte des Amerikanischen zu imitieren, näselt etwas unterkühlt “Ra-di-a-tor” (Bosten, New York) und verwischt gekonnt ein paar Sätze à la Südstaaten.
Auch beim Gottesdienst in der Methodist Church werden wir überschwänglich begrüßt. “Herzlich willkommen”, sagt ein älterer Herr auf Deutsch, “ich bin froh, dass ihr hier seid.” Er fügt hinzu, dass er Kriegsgefangener war, in der Nähe von Leipzig. Was soll man dazu sagen? Er lobt unsere Musik, und ich sehe ihn auch abends im Konzert auf seinem Platz in der Kirchenbank sitzen. Jetzt erst fällt mir eine mögliche Antwort ein: “Gut, dass diese Zeiten vorbei sind und hoffentlich nie wieder kommen!” Da singt sich Mozarts “Dona nobis pacem” doch noch einmal mit einem anderen Hintergrund.
Abends sitzen wir oft im Wohnzimmer von Joyce und unterhalten uns über Ähnlichkeiten und Unterschiede der amerikanischen und deutschen Kultur. Ferientermine, Fernsehshows, Flora und Fauna - nichts ist vor diesem Vergleich sicher. “Do you have fireflies in Germany?”, fragt unsere Gastmutter bei dieser Gelegenheit. Wen? Achso: Glühwürmchen. “Klar”, sage ich, “hab schon mal eins gesehen, bei einer Nachtwanderung im Sauerland.” Sie grinst, löscht alle Lichter und zeigt aus dem Fenster. Ein traumhafter Anblick, denn ihr Magnolienbaum (der das Haus übrigens locker überragt), ist voll mit blinkenden Glühwürmchen. Ein bisschen sieht es aus wie Weihnachten.
Der “Choo Choo” ist das erste und einzige, was viele mit der Stadt Chattanooga verbinden, also fahren wir hin und finden einen putzigen alten Zug vor, der am stillgelegten Bahnhof sein Dasein als Touristenattraktion fristet. Heute ist hier eine Hotelkette, man kann in den Waggons übernachten. Auf einem Platz in der Innenstadt sind die Noten in den Boden eingelassen und erinnern an den berühmten Song “Pardon me, boy - is this the Chattanogga Choo Choo?” Ein Ohrwurm.
Einen originalen vierten Juli haben wir auch mitbekommen. In Chattanooga feiert man den Unabhängigkeitstag mit einem Freiluft-Konzert im Park. Sinfonische Musik, Picknick, Feuerwerk und Gasluftballons in den Nationalfarben - das ist schon was! Cantate 86 kriegt sogar eine extra-Begrüßung, wie auch im Stadion beim Baseballmatch der Lookouts. Das sind schöne Details, die gut in das Bild der Gastfreundschaft passen.
Viel zu schnell ist die Konzertreise vorbei. Schon steigen wir wieder in den gelben Schulbus, der uns zum Flughafen in Atlanta bringt, nicht ohne vorher noch einen Zwischenstopp im Coca-Cola-Museum gemacht zu haben. Wir sehen außerdem eine Gedenkstätte für den Bürgerrechtler Martin Luther King. Gegensätze…
Ich muss jedenfalls oft an Joyce denken, mit ihrer Forderung, jeden eine zeitlang ins Ausland zu schicken. Wahrscheinlich hat sie Recht, und die Welt sähe dann anders aus.
Schön, dass ich mitfahren durfte! Ich würde es jederzeit wieder tun! Und ich freue ich mich für alle, dass die Reise menschlich und musikalisch ein so großer Erfolg war.
Vielen Dank!
Brigitte